Marcus Herbst bloggt

Interview mit Stefan Zachäus

Published

on

Heute habe ich die Ehre Stefan Zachäus, als ersten deutschen Athleten in meinem Blog vorzustellen. In Frankreich wird er nur als „le Fish“ bezeichnet, welche Ehre sonst nur Benjamin Sanson zu kommt, aber wer im Grand Prix immer unter den Top 15 aus den Fluten steigt, der kann ein bisschen schwimmen. Sonst ist er eigentlich an jedem Trainingsstützpunkt, sei es Saarbrücken(derzeitiger Wohnort) oder Potsdam derjenige, der neben dem Training auch für die sozialen Kompetenzen der Triathleten sorgt, da sie sich doch sonst gerne immer in ihrer Einsamkeit vergraben.

Als ich mich entschieden habe nach meinem Abitur nach Potsdam an den Triathlonstützpunkt zu gehen, war er derjenige der mir die ersten Tage so angenehm wie möglich gestaltet hat, denn so ein Schritt in eine fremde Stadt ist immer ein Wagnis und natürlich auch mit gewissen Unsicherheiten verbunden. Dabei hat der mich nicht nur im tagtäglichen Training begleitet, sondern ich nutze über 3 Monate hinweg sein Internetanschluss ohne dafür bezahlen zu müssen. Wenn sein damalige Freundin für ihn gekocht hatte, war meist nichts mehr da wenn er nach Hause kam, denn ich hatte alles aufgegessen, aber er sah das alles mit Humor.

Mit ihm möchte ich heute über den „Egoismus“ im Leistungssport sprechen. Sport fördert und stärkt den Charakter und die Selbständigkeit von Jugendlichen, das ist wohl bekannt, nur leider nicht ausschließlich die positiven Charakterzüge.

Ab Herbst 2009 trainierte ich also am Bundesnachwuchsstützpunkt in Potsdam.. Wir quälten uns in der Gruppe, pushten uns gemeinsam an unsere individuellen Leistungsgrenzen. Aber letztendlich will doch aber jeder alleine ganz oben auf dem Podest stehen. Wahre Freundschaft oder Zweckgemeinschaft ??? Mit voranschreiten einer Saison, wurde die Trainingspläne in Potsdam immer individueller, die Gruppe kleiner, jeder nur sich selbst der Nächste.

Marcus: Stefan du warst einer der Leistungsträger der Gruppe, wie hast du das damals empfunden: „Sind die anderen Athleten am Stützpunkt nur „Domestiques“ für dich gewesen?“

Stefan: „Ein klares NEIN, das sind heute noch meine besten Freunde. Was wir zusammen in der Schule, im Internat und auch im Training erlebt haben, schweißt so fest zusammen, dass ich von mehr als nur Freundschaft sprechen würde. Als ich in Potsdam mit dem Triathlonsport begonnen habe, war es die Trainingsgruppe um Tom Kosmehl und Steffen Dörnbrack, die mich motiviert hat und mir den Spaß am gemeinsamen Sporttreiben zeigte. Durch den Erfolg und die Bedingungen in Potsdam, bekamen wir immer mehr Zulauf an versierten Mitstreitern, die alle ein Ziel hatten: „ Den Start in Deutschlandfarben“

Ich weiß nicht genau wie wir es geschafft haben, aber es muss daran gelegen haben das wir uns alle auch außerhalb des Trainings sehr gut verstanden haben, aber durch den Ehrgeiz und Konkurrenz in der Trainingsgruppe wurden wir schnell zum Maß der Dinge im deutschen Nachwuchsbereich und dominierten den Nachwuchscup. Dabei ging anfänglich der Spaß nie verloren. Wir waren einfach ein paar verrückte Freunde die gerne die gerne zusammen Sport trieben.

Mit Erfolg kommt auch Druck, die Zielsetzungen werden höher, der Spaß verschwindet, die Individualisierung schreitet voran. Die Gruppe wurde kleiner, da leider manche den neuen Maßstäben nicht mehr entsprachen. Allesamt gute Sportler, nette Menschen, die bis dahin den Trainingsalltag in Potsdam so abwechslungsreich gemacht haben. „Aus wir wollen wurde wir müssen“. Es gab keine Trainingspläne mehr für die Gruppe, jeder Sportler hatte seinen eigenen Plan. Heutzutage für mich selbstverständlich, damals aus heutiger Sicht betrachtet: „der Bruch der Gruppedynamik“ Auch wenn ich davon überzeugt bin, dass nur durch eine individuelle Trainingsgestaltung der maximale Erfolg möglich ist, musste ich doch feststellen, dass meine sportliche Entwicklung stagnierte, je mehr ich alleine trainierte. Ich brauchte die Gruppe, meine Freunde. Leider gab es in Potsdam zum Zeitpunkt dieser Einsicht keine richtige Trainingsgruppe mehr, meine alten Kameraden haben zum Teil mit dem Leistungssport aufgehört, oder durften die Bedingungen am Bundesnachwuchsstützpunkt nicht mehr nutzen. Nach Vollendung meiner Schullaufbahn habe ich mich entschieden Potsdam, und damit auch meine besten Freunde zu verlassen. Deswegen freut es mich umso mehr, dass ich heute immer noch soviel Kontakt mit ihnen habe, egal ob sie jetzt studieren oder dem Sport treu geblieben sind, so wie du Marcus.

Marcus: Das freut mich zu hören. Aber du hast ja selber schon den Wechsel nach Saarbrücken angesprochen, hast du da die Trainingsgruppe gefunden, die dir genommen wurde, oder nur Individualisten?

Stefan: Der Schritt nach Saarbrücken war ein klarer Schritt in die Professionalisierung. Ich habe nicht erwartet, dass ich dort mit meinen besten Freunden zusammen den Tag verträumen werde. Ich wollte noch mal richtig angreifen, mich an der deutschen Spitze orientieren, den Sprung zurück in die Nationalmannschaft schaffen. Jedoch habe ich Saarbrücken nicht unbedacht gewählt. Mein neuer Trainer Wolfram Bott war dort als Bundesstützpunktleiter täglich vor Ort und konnte mir das Feedback und Vertrauen geben, dass mich weiter nach vorne gebracht hat. Auch wenn die anderen Athleten anfangs noch Vorbilder waren, wurden sie schnell zu Freunden, jedoch auf einer anderen Ebene als in Potsdam. Ich hatte mir vorgenommen, dies ein Stück weit zu ändern, jedoch war es nicht so leicht wie in Potsdam, wo wir nachdem Training zusammen in der Mensa waren und anschließend zusammen im Internat den restlichen Abend verbracht haben. Hier fährt abends jeder nach Hause in seine eigene Wohnung. Zwar versuchen wir auch außerhalb des Sportes viel gemeinsam zu Unternehmen, aber der hohe Trainingsumfang und die damit auftretende Ermüdung lassen Aktivitäten die über den gemeinsamen Vapiano besuch hinausgehen nur bedingt zu.

In Saarbrücken würde ich schon eher von einer Zweckgemeinschaft sprechen. Wobei ich hinzufügen muss, dass Ich die meisten von den Sportlern die dort trainieren, sehr ins Herz geschlossen habe. Mit Gregor Buchholz teile ich mir seit einem Jahr eine Wohnung und mit Steffen Justus, Maik Petzold und Jonnathan Zipf versuche ich soviel wie möglich zusammen zu trainieren, soweit es mein Trainingsplan zulässt. Ich habe selbst festgestellt, dass ich viel egoistischer an meine Tagesplanung herangehe, seitdem ich in Saarbrücken bin. Mein Trainingsplan bringt mich nach vorne, mein Trainingsplan ist Gesetz. Also muss ich mir auch eingestehen, dass es ein Stück weit an mir liegt, wenn ich die eine oder andere Einheit alleine trainiere, da ich kaum zu Kompromissen bereit bin. Aber das ist für mich Professionalität, die Gruppe zu nutzen, wenn man sie braucht, sich aber selbst an erster Stelle zu stellen.

Marcus: Also ist Egoismus ein Teil des Erfolgs?

Stefan: Leider ja! Triathlon ist keine Teamsportart! Jedoch solltest du nie vergessen wer mit dir durch dick und dünn im täglichen Training geht, wer an deiner Seite steht wenn es dir schlecht geht, auch wenn du am Ende alleine auf dem Treppchen steht.

Marcus: Mit dem Egoismus im Sport ist es wie mit dem meisten Dingen im Leben, man muss das gesunde Mittelmaß finden, wer das vergisst, wird schnell als arrogant oder hochnäsig abgestempelt. Natürlich ist jeder für seine eigene Leistung verantwortlich und sollte sich selbst an erster Stelle stellen, man überlässt den Konkurrenten auf der Zielgeraden ja auch nicht Kampflos den Sieg. Aber bei all dem zielstrebigen Arbeiten sollte man nie vergessen, dass Sport die beste Freizeitgestaltung ist, sozial ist, Menschen zusammenbringt, einfach Spaß macht! Ich selbst habe die eindrucksvollsten Persönlichkeiten durch den Sport kennen lernen dürfen, einige von ihnen werde ich euch hier noch näher vorstellen.

In diesem Sinne bedanke ich mich bei dir Stefan für deine ehrlichen Antworten.

Bis bald euer Kalle

News

Die mobile Version verlassen