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Die Hitze-Cancel-Culture erreicht auch den Triathlon

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Ein Kommentar von triaguide-Herausgeber Andreas Wünscher

Es ist heiß, sogar sehr heiß. So heiß, dass in Mitteleuropa zahlreiche Veranstaltungen aufgrund der Hitze abgesagt oder angepasst werden. Betroffen sind dabei nicht nur Sportveranstaltungen, sondern auch „normale“ Events wie Festivals.

Ich persönlich verstehe das nicht. Haben wir verlernt, mit Hitze umzugehen? Mit Hitze, die wir nun schon seit einigen Jahren regelmäßig erleben? Mit Hitze, die aufgrund der Wettervorhersagen absehbar war? Mit Hitze, auf die sich Veranstalter einstellen können? Haben wir verlernt, als erwachsene und mündige Menschen Eigenverantwortung zu übernehmen? Geht es unserer Wirtschaft so gut, dass wir auf enorme Wertschöpfung verzichten können, bloß weil es im Sommer heiß ist?

IRONMAN verkürzt etwa das Rennen in Frankfurt, lebt aber ironischerweise vom Mythos IRONMAN Hawaii, wo seit jeher mit der brutalen Hitze geworben wird. Quasi im gleichen Atemzug werden der IRONMAN Nizza und der IRONMAN 70.3 Nizza abgesagt – und in weiser Voraussicht gleich auch die Austragung der IRONMAN 70.3-Weltmeisterschaft 2028 (!). Dass hier die hohen Temperaturen wohl eher nicht der Hauptgrund für die Absagen sein dürften, liegt beinahe auf der Hand. Nach dem Wegfall der rotierenden IRONMAN-Weltmeisterschaften zwischen Hawaii und Nizza wurde man ohnehin das Gefühl nicht los, dass die politischen Entscheidungsträger, die meiner Wahrnehmung nach nie wirklich vom Triathlon in Nizza begeistert waren, hier ihre Finger im Spiel hatten.

Während man in Frankfurt als professioneller und hitzeerprobter Veranstalter alle Hebel in Bewegung setzt, um den Athletinnen und Athleten zusätzliche Kühl- und Verpflegungsmöglichkeiten zu bieten, wird an anderer Stelle einfach aufgegeben. Das entspricht meiner Meinung nach nicht dem Wertebild, das die Marke IRONMAN stets zu vermitteln versucht: nicht aufzugeben und mit widrigsten Umständen umzugehen. Das sollte nicht nur für Athleten gelten, sondern auch für Veranstalter. Aus dieser Sicht möchte ich dem Team des IRONMAN Frankfurt ausdrücklich ein großes Lob aussprechen.

Dass man das Rennen nun auf 3,8 Kilometer Schwimmen, 125 Kilometer Radfahren und 21 Kilometer Laufen verkürzt, können viele Sportler allerdings nicht nachvollziehen. Ehrlicherweise fällt auch mir das schwer.

Dennoch versuche ich, die Entscheidung nachzuvollziehen. Nicht nur für die Sportler, sondern auch für die Volunteers ist ein IRONMAN eine enorme Belastung – bei diesen Temperaturen umso mehr. Die Gefahr, dass sich die Zahl der freiwilligen Helfer an einem solchen Tag reduziert, obwohl eigentlich mehr Helfer benötigt würden, ist durchaus ein Argument, das für eine Verkürzung sprechen kann. Eine Möglichkeit wäre zum Beispiel, in einer solchen Ausnahmesituation Verpflegung von außen zuzulassen, gerade beim Laufen. Dies hat sich in der Vergangenheit in Ausnahmesituationen schon öfters bewährt. Wenn man dies schon im Vorfeld kommuniziert und organisatorisch regelt, könnte das die Situation deutlich erleichtern.

Aus Sicht eines Athleten verstehe ich die Verkürzung aber absolut nicht. Wer bei einem IRONMAN an den Start geht, sollte gesund, fit und verantwortungsbewusst genug sein, seine eigenen Grenzen zu kennen. Ein DNF ist keine Schande – manchmal ist er sogar der vernünftigste Weg.

In einer Zeit, in der so viel Wissen über Training, Ernährung und den Umgang mit äußeren Faktoren wie Hitze oder Kälte verfügbar ist, sollte man eigentlich erwarten können, dass sich Sportler den Bedingungen entsprechend verhalten. Wer nicht ausreichend vorbereitet oder gesundheitlich nicht in der Lage ist, sollte von einem Start beim IRONMAN absehen. Ich denke, dass im Gegensatz zu Laufveranstaltungen, bei denen sich Menschen nicht selten aufgrund von Bierwetten über die Marathon- oder Halbmarathondistanz messen, im Triathlon der Verstand meist überwiegt. Zahlreiche tragische Todesfälle bei Laufveranstaltungen, meist nicht bei extremen Temperaturen, zeigen, dass hier die Messlatte der Vernunft, die ich den Triathleten zubillige, im Laufsport nicht erreicht wird.

Ein weiterer Punkt, den man berücksichtigen muss, sind die Rettungskräfte. Ich kann mich noch gut an den IRONMAN Austria 2012 erinnern, als gefühlt im Sekundentakt nach dem Zieleinlauf Sirenen zu hören waren. Das stellt die Gesundheitsinfrastruktur einer Region natürlich vor enorme Herausforderungen – insbesondere in Zeiten, in denen Rettungskräfte auch außerhalb der Triathlonblase verstärkt benötigt werden. Es ist zweifellos eine schwierige Situation für alle Beteiligten. Deshalb versuche ich, diesen Kommentar bewusst aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten.

Generell muss man sich die Frage stellen, ob eine IRONMAN-Veranstaltung mit einer Laufstrecke durch eine Großstadt unbedingt im Hochsommer stattfinden sollte. Gerade Frankfurt hat bereits zahlreiche Hitzeschlachten erlebt und sollte für dieses Thema über die Jahre entsprechend sensibilisiert sein. Vielleicht findet auch in diesem Bereich für die Zukunft ein Umdenken statt.

In gewisser Weise fühle ich mich gerade ein wenig an die Covid-Zeit erinnert, als sich Veranstaltungsabsagen im Minutentakt ausbreiteten. Zu dieser Zeit war das aus der damaligen Perspektive verständlich, heute sehen viele diese Zeit differenzierter. Da wir selbst Triathlon-Veranstaltungen organisieren, wissen wir, was es bedeutet, auf widrigste Wetterbedingungen zu reagieren. Wir haben in der Covid-Zeit Veranstaltungen über die Bühne gebracht, während die meisten bereits aufgegeben hatten. Wir sind die Extra-Meile gegangen, um unseren Sport am Leben zu halten. Vielleicht berührt mich diese Situation deshalb auch emotional.

Ja, es gibt Wichtigeres als Sport. Wichtigeres als Festivals. Aber es geht auch um Menschen, die auf Ziele hinarbeiten, um Menschen, die ihren Lebensunterhalt mit Veranstaltungen verdienen. All das gilt es zu berücksichtigen, bevor die Cancel Culture wieder Schule macht.

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