nahrungsergaenzungen

Das Thema „Nahrungsergänzungsmittel“ beschäftigt Sportler mittlerweile schon seit den Achzigerjahren, als die ersten Elektroytgetränke auf den Markt kamen. Mittlerweile hat sich daraus weltweit eine Milliardenindustrie entwickelt, was die Frage aufwirft, was für den Sportler Sinn macht und was lediglich die Geldtasche erleichtert. Der triaguide-Herausgeber Andreas Wünscher hat mit der Ernährungsexpertin und Pharmazeutin Caroline Rauscher über das Thema gesprochen.

triaguide: Caro, heute möchte ich mit dir über das Thema Nahrungsergänzugen sprechen. Für die einen gehört die Einnahme von NEM (Nahrungsergänzungsmittel) zum Sport dazu wie die normale Ernährung,  für andere ist es nichts anderes als teurer Urin. Wo liegt die Wahrheit?

Caroline Rauscher: Die Wahrheit liegt wie meist, irgendwo dazwischen. Ob ein Athlet NEM braucht, hängt von vielen Faktoren ab, wie z.B. seiner biochemische Individualität, Umfang und Intensität seiner sportlichen Aktivität,  seinem Gesundheitszustand etc.

Ergibt sich nun, dass die Zufuhr von NEM sinnvoll ist, dann wird es allerdings relativ schwierig, sinnvolle NEM zu finden. Schaut man sich den schier unüberblickbaren Markt an NEM an, dann muss man sagen, dass ein sehr großer Anteil von diesen Produkten wirklich nur „teurer Urin“ ist. Warum? Ganz einfach, weil entweder die angepriesene Indikation einfach falsch ist, oder der versprochene Effekt theoretisch zwar vollkommen korrekt beschrieben wird, die eingesetzten Mengen in den Produkten mit Sicherheit nicht zur gewünschten Wirkung führen werden. Oft werden auch Substanzen verkauft, die gar nicht vom Körper aufgenommen werden können.

Kürzlich hatte ich einen Informationsaustausch mit der NADA Deutschland, in der diese ihren Standpunkt dargelegt hat, dass Sportler NEM ausschließlich auf ärztliche Anweisung einnehmen sollten. Was befähigt deiner Meinung nach einen Arzt dazu, genau zu wissen, wie sich ein Leistungssportler ernähren soll?

Wenn ein Arzt sich z.B. genau mit den biochemischen Abläufen in Hinblick auf Belastung und Regeneration im Körper und zwar unter verschiedenen Bedingungen auskennt, wenn er das Fachwissen hat, mit welchen Mikro- und Makronährstoffmengen welche Stoffwechselwege aktiviert, bzw deaktiviert werden, wenn er die wissenschaftlichen Hintergründe für den Zusammenhang von: Training/Trainingsadaption/ Zufuhr von Nährstoffen hat, wenn er weiß, welche geschlechtsspezifischen Unterschiede in Bezug auf Ernährung zu beachten sind, wenn er weiß wie Ernährung mit Übertrainingssymptomen und anderen sportspezifischen Problemen in Zusammenhang stehen, wenn er über das Wissen verfügt, welche Stoffe überhaupt resorbiert werden, in welchen Dosierungen und Wirkstoffkombinationen man arbeiten muss, um pharmakologische Effekte zu erzielen und wenn er weiß, was zu beachten ist, um das Ausmaß von trainingsspezifischen Adaptionsprozessen zu maximieren im Hinblick auf Mikro- und Makronährstoffzufuhr und deren Timing und wenn er sich der wissenschaftlich belegten Bedeutung der Ernährung = Basisernährung + Makronährstoffzufuhr+Mikronährstoffzufuhr bewusst ist, dann ist er sicherlich der richtige Ansprechpartner 😉

Was ist für dich eigentlich ein Nahrungsergänzungsmittel? Sind das Vitaminpräparate, zählt man den Proteinshake im Studio oder nach dem Training zu den NEM und wo ist für dich die Grenze zum Dopingmittel?

Wikipedia definiert den Begriff so: Nahrungsergänzungsmittel sind Produkte zur erhöhten Versorgung des menschlichen Stoffwechsels mit bestimmten Nähr- oder Wirkstoffen im Grenzbereich zwischen Arzneimitteln und Lebensmitteln.

Ja, Vitaminpräparate,  Proteinshakes etc. sind NEM. Ein Abgrenzungskriterium ist auf jeden Fall  die WADA Substanz-Liste, Stoffe die nicht gelistet sind, sind auch nicht verboten. Man kann aber auch ganz kritisch sein! Dazu hole ich etwas aus: Sinn und Zweck des Trainings ist es, die Leistung zu verbessern. Dies wird erreicht, durch Modulation der Gen Expression, um strukturelle und funktionelle Veränderungen in der Skelettmuskulatur und anderen Geweben hervorzurufen. Die Art dieser Adaption (Anpassung) hängt jetzt von dem spezifischen Trainingsreiz ab. Das Ausmaß dieser Antwort ist proportional zur Trainingslast (Intensität, Dauer. Frequenz). Diese Trainingsantworten werden wieder durch Nährstoffe, eine bestimmte metabolische und hormonelle Umgebung reguliert und diese Punkte ihrerseits werden wieder durch Zufuhr von Nahrungsbestandteilen vor, während und nach dem Training moduliert.

In diesem Zusammenhang sind folgende verbotene Methoden, die auf der WADA Liste 2011 gelistet sind,  interessant: „Folgendes, mit dem Potential die Leistungsfähigkeit zu verbessern, ist verboten:

„3. Der Gebrauch von Agentien, die dafür bekannt sind, direkt oder indirekt die Leistungsfähigkeit durch Veränderung der Genexpression zu beeinflussen.“

Das bedeutet eigentlich ganz klar, Ernährungsveränderungen, die die Expression von Genen nach dem Training verändern, und tatsächlich auch das Training an sich, sind Doping Methoden.

Man kann also sagen, jeder Athlet, der trainiert hat und der Nährstoffe beispielsweise in Form von normaler Nahrung wie z.B. Nudeln, Milch etc. oder eines Kohlenhydrat/Eiweiß Shakes zu sich nimmt, hat laut WADA Definition gedopt, was natürlich in der Praxis Unsinn ist. Man kann daraus jedoch ableiten, dass individualisierte Ernährungsstrategien ganz klar leistungssteigernd sind, und zwar uneingeschränkt legal. Seriöse wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass diese strukturierte Zufuhr Veränderungen auf Genebene bewirkt und damit entsprechende Adaptionen nach sich zieht.

Oft werden verunreinigte NEM als Grund für positive Dopingproben bei Sportlern genannt. Wenn wir davon ausgehen, dass es sich dabei nicht um eine Ausrede des Sportlers handelt, worauf sollte man beim Kauf bzw. der Anwendung von NEM achten?

Der Athlet sollte darauf achten, von qualitativ hochwertigen Herstellern zu kaufen, die sich auch bei der Verwendung der Inhaltsstoffe an die WADA Liste halten. Kritisch sind NEM mit undefinierbarer, zum Teil pflanzlicher Zusammensetzung, aus obsoleten Kanälen und teilweise auch aus dem Ausland, wie z.B. China zu sehen. Ein Anhaltspunkt ist die Listung der NEM auf der Kölner Liste, aber auch das ist kein 100 % iger Schutz.

Geht es  im leistungsorientierten Sport ohne NEM, wen man maximale Leistung erbringen möchte?

Nein, es ist sicher nicht möglich, die optimale Versorgung in bestimmten Belastungs- und Regenerationsphasen nur mit Lebensmitteln des Alltags zu bestreiten. V.a. dann wenn die Einheiten/Wettkämpfe lang und intensiv sind und wenn der Faktor Zeit im Hinblick auf Nährstoffaufnahme eine bedeutende Rolle spielt.

Eine optimale Strategie sieht so aus, dass sie an den Athleten, die Art-, Dauer, Intensität, Zielsetzung, Umfang des Trainings/Wettkampfs, die Außenbedingungen, angepasst wird. Wichtig ist, dass dem Athleten die notwendigen Stoffe schnell  und in der entsprechende Menge zur Verfügung stehen, dass dadurch auch die Einhaltung von definierten „windows of opportunity“, die es sowohl im Ausdauer- und Kraftbereich gibt, möglich ist.

Mittlerweile weiß man, dass  eine angepasste Ernährung und eine individualisierte Versorgung mit Mikro- und Makronährstoffen (Fett, Eiweiß, Kohlenhydraten) dem Sportler hilft mehr aus seinem Training herauszuholen. D.h. sie helfen, die vielen Trainingsstunden in nützliche adaptive Antworten in den verschiedenen Geweben zu übersetzen und damit eine optimale Leistungsentwicklung zu erzielen.

Deckt eine ausgewogene Ernährung im Alltag den Mikronährstoffbedarf für einen ambitionierten Sportler komplett ab?

Trainiert ein Athlet intensiv, so hat das zur Folge dass auch der Bedarf für bestimmte Mikronährstoffe ansteigt, das Immunsystem merklich geschwächt wird und durch den erhöhten Energieumsatz und auch aus der vermehrten Schweißverluste Nährstoffdefizite resultieren, die schwer durch die Basisernährung zu kompensieren sind. In diesem Zusammenhang sind z.B. die wichtigen B-Vitamine zu nennen, die u.a. an energieliefernden und –aufbauenden Prozessen beteiligt sind. Bei diesen Stoffen, aber auch bei anderen Mikronährstoffen, ist die optimale Versorgung über die Basisernährung sehr fraglich. Bestimmte B –Vitamine sind sehr instabil, d.h. zerfallen beim Kochen, gehen beim Waschen von Gemüse verloren, sind nicht lichtstabil etc. Außerdem haben sie zum Teil sehr kurze Speicherzeiten im Körper.

Welche Vorgehensweise ist am Besten, wenn sich ein Athlet z.B. mit einem Multivitaminpräparat versorgen möchte?

Am Besten ist es, wenn erst bestimmte Blutwerte bestimmt werden, um zu ermitteln, ob und welche Defizite vorliegen. Dann erst kann man sinnvoll und gezielt Mikronährstoffe zuführen und zwar auch in Zusammenhang mit seiner Basisiernährung. Ein wichtiger Aspekt ist auch, dass die Phase des Trainings berücksichtigt wird. Adaptionen können nämlich durch zu hohe Dosen an bestimmten Stoffen abgeschwächt werden.

Caro, wir danken für das Gespräch!

Bild (c) I-vista  / pixelio.de