Kona ist immer die beste Zeit, um neue Produkte präsentieren. Speziell die Radbranche hat sich in den letzten Jahren mehr und mehr von den bisherigen Präsentationen auf den Leitmessen wie der Eurobike emanzipiert und setzt in ihrer Produktentwicklung voll und ganz auf den Triathleten. UCI-Normen, die für den Straßenradsport gelten, sind längst nicht mehr im Fokus der Entwickler. Einerseits finden wir das gut, denn so kann die Industrie auch richtig auf die Bedürfnisse der Triathleten eingehen, auf der anderen Seite bewegt man sich an der Grenze, den Innovationstrieb auch zu übertreiben. Wir haben für euch einige Impressionen von Neuvorstellungen der letzten Tage.

Cube Project Kona

Der deutsche Radhersteller Cube hat seine Technologie-Partnerschaft mit dem Schweizer Aerodynamik- und Laufradspezialisten Swissside weiter geführt und präsentiert in Kona einen neuen Prototypen, mit dem sich Andreas Raelert auf die Jagd nach der Kona-Krone machen soll. Das Rad wirkt wie eine konsequente Weiterentwicklung des Vorjahresrades, mit dem der letztjährige Hawaii-Zweite bereits gute Erfahrungen gemacht hat. Was gleich auf den ersten Blick auffällt ist das längliche Loch im Bereich des Steuerrohres, das wir bisher von noch keinem Hersteller in ähnlicher Form gesehen haben. Was uns gefällt: die schlichte Optik, die es trotz aller Aerodynamik noch als Fahrrad erkennen lässt.

Stimmen: „Mit CUBE haben wir einen renommierten Partner an der Seite, der unser umfangreiches Formel 1 Know-how konstruktiv umsetzt. Diese Allianz garantiert die Entwicklung einer Triathlonmaschine, die in jeder Hinsicht Maßstäbe setzt“, sagt Jean-Paul Ballard, der Technische Direktor von Swiss Side. Auch das CUBE Entwicklungsteam sieht in dem neuen Prototyp einen Benchmark im Triathlon Segment.

„Unser Ziel ist es, das schnellste Triathlonrad der Welt zu bauen. Der aktuelle Prototyp ist das Ergebnis einer zweijährigen Entwicklungsphase in der wir zusammen mit Swiss Side das ultimative Aero-Paket für Andy Raelert zusammengestellt haben. Für uns lag das Hauptaugenmerk darauf, kompromisslose Aerodynamik mit einem einzigartigen Design zu verbinden, um nicht nur das schnellste, im Windkanal getestete, Rad zu bauen, sondern zugleich eine herausragende Manövrierbarkeit und eine Vielzahl an Einstellmöglichkeiten für eine individuell anpassbare Sitzposition anzubieten. Das innovative C:68 Carbon-Rahmenset verwandelt hierbei jedes Watt Tretenergie in Geschwindigkeit und ist die perfekte Kombination aus geringem Gewicht, außergewöhnlicher Steifigkeit und ultimativer Aerodynamik“, so Bernd Schenkl, Head of Engineering bei CUBE.

BMC Time Machine

Lange erwartet wurde die Neuvorstellung des Schweizer Herstellers BMC. Mit der Time Machine, dessen Prototyp im Jahr 2011 beim Challenge Roth durch die damalige Weltbestzeit von Andreas Raelert in vielen Bereichen neue Standards setzte, bekam man einen kräftigen Fuß in den Triathlonsektor. Doch 5 Jahre ist eine lange Laufzeit für ein Rad und so freuten sich BMC-Fans auf die Neuvorstellung. Die neue Time-Machine wirkt auf den ersten Blick eher wie eine Evolution als eine Revolution – was aber nicht unbedingt schlecht sein muss. Speziell im hinteren Bereich hat sich aber dennoch einiges verändert. Die Box für Ersatzmaterial platzierte man aerodynamisch gut hinter dem Sattelrohr, was auf den ersten Blick an die Lösungsvariante von Trek erinnert. Wie auch das oben vorgestellte Cube verwehrt man sich auch im Hause BMC gegen den vieldiskutierten Trend der Scheibenbremsen. Was uns gefällt: BMC bleibt sich treu – an einem gut funktionierendem Konzept wird festgehalten, die Verbesserungen finden sich im Detail.

Diamondback Andean

In den mittlerweile bereits zahlreichen Jahren unserer Tätigkeit als Journalisten und Triathlonfans kann uns eigentlich kaum noch etwas überraschen, zum Staunen oder gar zum Schocken bringen. Der amerikanische Hersteller Diamondback, bisher eigentlich mehr in der Mountainbike-Szene beheimatet, stellte bereits vor einigen Tagen sein neues Triathlonbike, das „Andean“ vor. Selten zuvor hat ein Rad so polarisiert und zu Diskussionen geführt. Eines kann man vorweg sagen: bei Diamondback pfeift man auf Konventionen und das richtig. UCI? – nie von ihr gehört – dieses Rad ist ausschließlich für Triathleten gedacht und das zeigt dieses Projekt an jeder Ecke und aerodynamisch geformten Kante. Das bis zum Produktlaunch in dieser Form noch nicht gesehene Staufach für Ersatzmaterial, das weit bis ins Vorderrad reicht, sieht man in ähnlicher Form auch beim Branchenprimus Cervelo. Hier überdeckt es selbst noch die Kurbel und scheint auch dessen Windwiderstand weiter reduzieren zu wollen. Das einzige, das auf den ersten Blick so gar nicht ins Bild passen mag, sind die Scheibenbremsen. Dass Scheibenbremsen eine bessere Bremswirkung haben, ist unbestritten, ob sie jedoch aerodynamisch Vor- oder Nachteile bringen, darüber ist sich die Fachwelt bis heute nicht einig. Die Servicefreundlichkeit wird damit aber wahrscheinlich nicht erhöht. Was uns gefällt: Das Andean ist anders – ganz anders – dieser Mut gefällt uns!

Cervelo P5X

Selten zuvor erreichte der Hype um ein neues Rad Dimensionen wie diese – vergleichbar eigentlich nur mit Ereignissen außerhalb des triathletischen Mikrikosmos – wie zum Beispiel ein Produktlaunch der Firma mit dem angebissenen Apfel. Sogar Fotomontagen vom vermeintlichen Design des P5-Nachfolgers kursierten in den Sozialen Medien. Auf Seiten des Branchenprimus Cervelo verstand man es auch, die Spannung über Tage und Wochen aufrecht zu erhalten – ohne jedoch zu bedenken, dass im Zeitalter von New Media und Smartphones kein solches Geheimnis bewahrt bleiben würde. So kam es, wie es kommen musste – das brandneue Cervelo P5X wurde drei Tage vor der offiziellen Präsentation „geleaked“ und sorgte fortan für Diskussionen. Eines vorab – es gehört Mut dazu, den Nachfolger eine erfolreichen Rades, wie es das P5 war, komplett zu verändern. Beim P5X erinnert nichts, aber auch gar nichts an den ähnlich klingenden Vorgänger P5. Die auffälligste Neuerung ist das fehlende Sattelrohr. So genannte „Beam-Bikes“ gab es bereits in den Neunziger-Jahren von Herstellern wie Zipp und Softride. Obwohl optisch ähnlich, unterscheiden sich die heutigen „Beam-Bikes“ technisch grundlegend. Seit der mittlerweile wieder vom Markt verschwundene Hersteller „Falco“ im letzten Jahr wieder ein Rad ohne klassisches Sattelrohr in den Ring geworfen hat, prallen die Meinungen und Geschmäcker der Triathlonwelt aneinander. Bei Cervelo wirkt die Umsetzung dieser Lösung zwar gewöhnungsbedürftig, dennoch ist es unserer Meinung nach bisher die optisch stimmigste Variante. In manchen Bereichen ähnelt das Rad ein bisschen an das vorhin beschriebene „Andean“ von Diamondback. Speziell im Bereich des Tretlagers und die Anordnung des Stauraumes ähnelt dem amerikanischen Kollegen. Cervelo setzt dieses Element jedoch etwas dezenter ein als der amerikanische Kollege in Rot. Wie das Andean verfügt auch das P5X über Scheibenbremsen, über deren Einsatz man auch hier diskutieren kann. Als besonders servicefreundlich galt auch die Hydraulikbremse des Vorgängers nicht, deshalb dürfte dies Cervelo-Fans auch in diesem Fall nicht abschrecken. Das revolutionärste an diesem Rad ist aber mit Sicherheit die Lenkeinheit, bei der sehr viel Hirnschmalz in die Entwicklung geflossen ist. Die Einheit scheint der Traum jedes Bikefitters zu sein. Die Einstellmöglichkeiten scheinen endlos zu sein und zumindest auf dem ersten Präsentationsvideo scheint die Handhabung der Änderungen ebenso einfach von der Hand zu gehen. Cooles Detail am Rande – Cervelo liefert eine eigene Flugtasche mit, um das Rad optimal in wenigen Minuten flugtauglich und geschützt zu halten. Was uns gefällt: Cervelo hat Mut zur Veränderung – das Lenkerkonzept könnte ein neuer Goldstandard werden.