Ein Kommentar von triaguide-Herausgeber Andreas Wünscher

Patrick wer…? Patrick Lange – wie zum Teufel hat der es aufs Hawaii-Podium geschafft? So oder so ähnlich stellte mir mein inneres Ich die Frage nach dem Hawaii-Rennen 2016. Schlagartig war ich vom Triathlon-Experten zum absoluten Laien degradiert, weil ich das Leistungsvermögen des Nordhessen im Vorfeld meiner Berichterstattung nicht annähernd richtig einschätzen konnte.

In den Vorberichten mit meinen Favoriteneinschätzungen tauchte damals ein Name nicht auf: Patrick Lange. Mein einziger persönlicher Kontakt war 12 Monate zuvor, als ich beim Videodreh für den IRONMAN 70.3 Antalya meine Kamera kurz auf ihn hielt. Da er das Rennen zwar auf Platz 3 beendete, aber auf der Radstrecke, wo ich den Hauptteil meiner Reportage verbracht habe, keine wirklichen Akzente setzen konnte, bekam er nicht einmal einen besonders großen Platz in meiner Post-Race-Coverage. In meiner Wahrnehmung war er einer „jener guten Deutschen“, die es in der Szene zuhauf gibt.

Tja, so falsch kann man liegen und Patrick wird es mir verzeihen, dass ich ihn damals massiv unterschätzt habe. Ich war ja beileibe nicht der Einzige. Doch dass ich auch im Jahr darauf den Namen Patrick Lange nicht auf meiner persönlichen Liste der Top-Favoriten hatte und befürchtet habe, seine Performance 2016 wäre ein One-Hit-Wonder gewesen, muss ich mir wohl ankreiden lassen. Geblendet von der alles überstrahlenden Performance eines Jan Frodeno in den Jahren davor führte Patrick Lange im letzten Jahr ein Schattendasein, das ihm wohl gar nicht so unrecht war.

Patrick Lange ist wohl der einzige Titelverteidiger, der trotzdem als Außenseiter ins Rennen ging. Diesen Eindruck hatte ich auch in diesem Jahr, denn die Szene kannte nur einen Namen: Jan Frodeno. Als dieser wegen einer Verletzung vorzeitig aussteigen musste, sprach man von einem Sebastian Kienle, einem Lionel Sanders oder einem Javier Gomez. Auch ich wurde oft gefragt, wem ich denn heuer am ehesten den Sieg zutraue – mein Tipp war diesmal klar und eindeutig: Patrick Lange.

„Lange, wirklich? Der hat doch in diesem Jahr noch gar nix gezeigt?“ Mit diesem Satz könnte man so manche verwunderte Antwort zusammen fassen, doch ich war überzeugt, dass Patrick Lange beim Kampf um den Sieg auch in diesem Jahr ein kräftiges Wort mitreden würde.

Das bringt mich nun nahtlos zu meiner Headline – warum sollte Patrick Lange eigentlich nicht der verdiente Sieger sein? In einem Sport, wo am Ende der Schnellste gewinnt – die Rechnung könnte eigentlich gar nicht einfacher sein.

Doch die Szene regt sich gerne auf und gerade im deutschsprachigen Raum ist man es nicht gewohnt, wenn ein Athlet sein Rennen taktisch prägt. Chris McCormack war einst einer derjenigen, die voll und ganz auf ihre Laufstärke vertrauen konnten, bei Craig Alexander ware es noch ausgeprägter.

Mit den deutschen Athleten assoziieren wir vor allem eines – Raddruck. Die brachiale Gewalt am Rad eines Thomas Hellriegel, eines Jürgen Zäck, eines Normann Stadler, eines Faris Al-Sultan, eines Sebastian Kienle oder auch eines Jan Frodeno. Sie alle waren beziehungsweise sind für ihre Stärke am Rad bekannt.

Jetzt kommt ausgerechnet ein deutscher Athlet daher und bricht mit dieser Tradition? Das scheint gar nicht zu gehen. Bereits im Vorfeld kochte die Diskussion in den sozialen Medien hoch, als Sebastian Kienle in einem Interview die Fahrweise von Patrick Lange kritisierte. Er säße am Rad nur am Hinterrad und würde die Grenze des Legalen bis zum Maximum ausnützen, meinte Kienle in diesem Interview.

Eben jener Sebastian Kienle, der am Tag nach seinem bitteren Ausscheiden im Interview mit unseren Kollegen von „Pushing Limits“ so etwas meinte wie „there is a small line between fit and fucked“. Um es vorweg zu nehmen. Ich hätte Sebi auch jeden Erfolg gegönnt – er ist ein Top-Athlet und auch ich finde die Art und Weise, wie er seine Rennen gestaltet und geprägt hat, persönlich interessanter.

Doch will man einem Kollegen ernsthaft vorwerfen, dass er sein Rennen taktisch klug fährt? Dass er bei seiner Paradedisziplin so viele Körner wie möglich beisammen haben möchte? Dort, wo immer die Entscheidung fällt? Dass Andreas Dreitz offenbar seinem Teamkollegen und Freund Patrick Lange Hilfe geleistet hat? Solange es innerhalb der Regeln bleibt, ist daran auch nichts Verwerfliches. Die Mär vom heldenhaften Einzelkämpfer ist mit der Professionalisierung des Sports ohnehin immer schwieriger aufrecht zu erhalten.

Letztlich entscheiden die Marshalls, ob die Regeln eingehalten wurden oder nicht und sie haben entschieden, dass hier keine Regeln gebrochen wurden.

Die IRONMAN World Championship ist keine Weltmeisterschaft im Watt-Treten, sondern sie folgt der Grundidee, wer von den Teilnehmern der Kompletteste ist. Und der kompletteste Athlet auf Big Island ist seit mittlerweile zwei Jahren Patrick Lange, der mit einer erneut herausragenden Laufleistung alles in Grund und Boden gelaufen hat. Aus diesem Grund ist er für mich nicht nur der logische, sondern auch der verdiente Sieger.

IRONMAN Hawaii-Special presented by

CANNASPORT

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